Der Großscheich von al-Azhar in Kairo, die höchste Autorität im sunnitischen Islam, ist zu Besuch in Berlin. Offener Brief für ihn.

Lieber Herr Großscheich,
willkommen in Deutschland. Ich finde es großartig, dass der Kopf des sunnitischen Islam nach Europa kommt und den Dialog mit dem Christentum sucht. Sie werden am Dienstag eine Rede im Deutschen Bundestag halten und darin vermutlich von der Friedfertigkeit des Islam schwärmen. Sie werden betonen, dass al-Azhar eine Hochburg des moderaten Islam sei und die Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Religionen betonen. Sie werden den IS verdammen und behaupten, dass die Taten der Terrormiliz in keiner Weise durch den Islam zu legitimieren seien. Sie werden jene Passagen aus dem Koran zitieren, die Toleranz und gutes Zusammenleben fördern, und jene ignorieren, die Gewalt gegen Andersgläubige verherrlichen.
Al-Tajib empfing vergangenes Jahr Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Kairo.
Aber hat sich al-Azhar nicht dafür stark gemacht, dass jede Kritik am Islam juristisch verfolgt wird? Waren nicht Al-Azhar-Gelehrte mit ihren Apostasie-Fatwas dafür verantwortlich, dass der sudanesische Religionsreformer Mahmoud Taha im Jahre 1985 hingerichtet wurde, nur weil er die Gewaltpassagen im Koran als nicht mehr gültig erklärte? Führten nicht ähnliche Fatwas aus al-Azhar zur Ermordung des ägyptischen Denkers Faradsch Fauda 1992 in Kairo?
Allein in den letzten drei Monaten mussten zahlreiche Ägypter wegen Kritik an islamischen Gelehrten ins Gefängnis, darunter die Dichterin Fatma Naout und der Religionsreformer Islam al-Beheri. Vier minderjährige Kopten wurden in Südägypten zu fünf Jahren Haft verurteilt, nur weil sie IS-Kämpfer beim Gebet nachahmten.
Als Präsident al-Sisi letztes Jahr von al-Azhar eine Reform des religiösen Diskurses forderte, reagierte Ihre Institution mit der Errichtung von zwei Kommissionen: Eine zur Bekämpfung des Atheismus in Ägypten und eine zur Verbesserung des Images des Islam im Westen. Deshalb sind Sie nun nach Europa gekommen: Nicht um den aufrichtigen und ehrlichen Dialog zu suchen, sondern um das Bild Ihrer Religion aufzupolieren.
Wäre es eigentlich nicht sinnvoller, Herr Imam, erst mit Schiiten, Bahaais, Kopten und kritischen Muslimen im eigenen Land einen Dialog zu führen, bevor Sie mit dem Westen unehrliche freundliche Worte austauschen? Wäre es nicht sinnvoller, statt eine leere Verurteilung des IS auszusprechen, erst die Al-Azhar-Lehrbücher von Hass, Verherrlichung der Gewalt, der Sklaverei und des Dschihads und der Verurteilung von Juden und Christen zu reinigen? Jeder kritisch denkende Mensch in Ägypten weiß, dass der IS nichts anderes tut als die Umsetzung dessen, was in den Büchern von al-Azhar steht.
Also warum nehmen Sie die große Mühe auf sich, das in Berlin zu versuchen, was Sie längst in Kairo hätten tun müssen? Das geringste Problem des Islam heutzutage ist sein Image im Westen. Der Islam hat in erster Linie ein Problem mit sich selbst, mit der Unantastbarkeit seiner Texte und mit seinen politischen Ansprüchen. Und Sie, Herr Imam, und Ihre Institution sind ein Teil dieses Problems. Ob Sie auch ein Teil der Lösung werden könnten, wage ich zu bezweifeln, denn wenn Sie damit anfangen, die religiöse Behörde tatsächlich zu reformieren, wird es der Anfang vom Ende sein – wie mit Gorbatschow und der Sowjetunion.
Herzlich, Hamed Abdel-Samad (Welt.de)