Gibt es also doch Wunder?

„Natürlich gibt es Wunder! Die Wissenschaft hat uns gerade ein absolut unerwartetes Geschehen vor Augen geführt. Sie hat Gravitationswellen wahrgenommen. Das sind im fernsten Weltall entstehende Wellen, die 1915 – also vor 100 Jahren – der Nobelpreisträger Albert Einstein vorhergesagt hatte. Die Existenz dieser besonderen Wellen konnte aber bislang nicht wahrgenommen werden. Jetzt jubeln die Wissenschaften und die Medien: Die Wellen wurden registriert! In der Weltraumforschung ist ein neues Zeitalter eröffnet, denn jetzt ist es möglich, auch die bisher dunkle Seite des Universums zu erforschen. So ist es immer, wenn die Wissenschaften einem Wunder begegnen. Es beantwortet Fragen, die bisher ohne Antwort geblieben waren. Aber die unerwartet gefundene Antwort löst wiederum neue Fragen aus. Das Wunder ist nicht das Ende der wissenschaftlichen Neugier, sondern der Anfang einer neuen Neugier, die zumeist noch größer als die bisherige ist.
Haben wir also jetzt einen Gottesbeweis durch die Naturwissenschaften? Einen solchen dürfen wir uns eigentlich gar nicht wünschen. Denn bei einem solchen Beweis würde der Glaube zu einer Sache unserer Intelligenz. Wer das alles versteht, was uns die Physik sagt, würde durch vernünftige Argumente zum Glauben geradezu gezwungen. Wer geistig weniger begabt ist, bliebe außen vor. Zudem: Was nützt mir ein Gott im fernsten Weltall, wenn ich zu ihm beten und ihm mein Leben anvertrauen will? Das Wunder aus dem Weltall löst meine persönlichen Probleme nicht. Das Wunder des Glaubens wird nicht mit physikalischen Apparaten herbeigeführt.
Eines aber hat die unerwartete Entdeckung bewirkt: Wir wissen, dass die Welt, die wir mit unseren menschlichen Mitteln wahrnehmen, nur ein Teil der Wirklichkeit ist. Die Wahrheit, die diese Welt und unser Leben umgibt, ist unendlich viel größer. Gottes Welt ist unendlich viel weiter als die Welt, die wir beobachten und messen und mit unseren Begriffen erklären. Ab dem 16. Jahrhundert hat man immer wieder behauptet, das Weltbild der Bibel passe nicht mehr in das erforschte Weltbild der Menschen. Darum müsse von allem Abstand genommen werden, was in der Bibel über die Grenzen unserer Forschung hinausgehe. Jetzt wissen wir aus den Naturwissenschaften: Die Wahrheit Gottes ist größer als die Wirklichkeit, die wir erkennen können. Die Welt der Bibel passt in die naturwissenschaftlich erforschte Welt hinein. Übrigens gilt das nicht nur für die Astronomie (Weltraumforschung). Das wissen wir auch aus der Quantenphysik, die sich zum Beispiel mit einem Tausendstel Teilchen eines Atomkerns beschäftigt.
Angesichts solcher Wunder denkt man gerne an Friedrich Schiller (1759–1805). In seinem Gedicht „An die Freude“ singt er „Brüder, überm Sternenzelt muss ein guter Vater wohnen“. Über dem Sternenzelt, nicht irgendwo dazwischen. Wahrheit über dem Sichtbaren und Berechenbaren. Der Himmel Gottes ist nicht der Himmel der Sterne. Er ist weit darüber. Das erinnert an einen der Begründer des Pietismus, August Hermann Francke (1663–1727). Er hatte in Halle an der Saale 1698 ein Gymnasium gegründet. Es war in Deutschland die erste Schule mit naturwissenschaftlichem Unterricht. Seine Schüler sollten durch die genaue Betrachtung der Natur zur Ehrfurcht vor dem Schöpfer geführt werden. Ist die Wissenschaft unserer Zeit in der Lage, solche Ehrfurcht zu wecken?
Wunder haben Folgen. In den Wissenschaften: neue Fragen für die Forschung. Aber auch im Menschenleben selbst – sogar im ganz schlichten Alltag.“ (Klaus Baschang in idea.de)